Autismus bei Kindern: Wie oft gibt es musikalische Inselbegabungen?
Autismus bei Kindern: Wie oft gibt es musikalische Inselbegabungen?

Die Diagnose Autismus ist für Betroffene ein schwerer Schlag. Während wir uns wahrscheinlich nie zu 100 Prozent in einen autistischen Menschen hineinversetzen können, haben diese manchmal sogenannte Inselbegabungen – spezielle Interessen und Talente, mit denen sie sich ausdrücken können. Oftmals werden diese bei Kindern erstmalig entdeckt.

Künstlerische Tätigkeiten wie Schlagzeug spielen und „Musik machen“ im Allgemeinen sind solche speziellen Tätigkeiten. Einige Menschen, die unter einer Autismus-Spektrum-Störung leiden, gehen total in der Musik auf, spielen Schlagzeug wie ein lebendes Metronom oder besitzen sogar das absolute Gehör.

Der Giessener-Anzeiger berichtete beispielsweise 2017 von einem 22-jährigen Autisten, der an der staatlich anerkannten Rock-Pop-Jazz-Akademie Mittelhessen in Gießen Schlagzeug studierte. Das Schlagzeug-Studium bekam ihm so gut, dass er mittlerweile selbstständig und alleine mit dem Zug zur Uni reisen kann ohne begleitet werden zu müssen. Mit 16 konnte er nicht mal alleine die Straße überqueren, berichtet seine Mutter in dem Artikel des Giessener-Anzeiger.

Autismus: Wie äußert sich das eigentlich?

Autismus ist genetisch veranlagt und angeboren. Die Diagnose wird zumeist im Kindergartenalter getroffen und bisweilen tritt Autismus auch in Kombination mit anderen Beeinträchtigungen auf, wie etwa Dyskalkulie, Legasthenie, oder motorischen Störungen. Autismus selbst ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, bei der die Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung im Gehirn verändert ist.

Es gibt viele verschiedene Arten des Autismus und vielfältige Ausprägungen der Symptome. Etwa kommen zwangsweise Wiederholungen von bestimmten Handlungen beim Autismus relativ häufig vor. Diese immer wiederkehrenden Zwangswiederholungen sind eine Art Stressbewältigung, die dem Betroffenen dabei hilft, die Gedanken zu ordnen oder störende Einflüsse auszublenden.

Musik und Autismus – Ein Widerspruch?

Die meisten Arten des Autismus haben aber gemein, dass der soziale Umgang mit Menschen sowie die Kommunikation mit ihnen schwer fällt und Emotionen nicht erkannt oder ausgedrückt werden können. Im Bezug auf Musik mag das zunächst verwirrend wirken, ist doch Musik als Stimmungsträger bekannt und weckt Emotionen.

Autistische Menschen sind mit dem für uns einfachen Alltag überfordert. So bringen die sogenannten Inselbegabungen den autistischen Menschen in manchen Fällen dazu, in einem bestimmten Teilbereich brillieren zu können.

Gerade weil Musik ohne Worte funktioniert und sie nur mit Tönen und Klängen vermag Emotionen zu erzeugen und Stimmungen zu verarbeiten, ist gerade das „Musik-machen“ eine häufig beobachtete Inselbegabung. Das Savant-Syndrom (Inselbegabung) tritt allerdings lange nicht so häufig auf, wie Hollywood-Filme und Serien es uns glauben lassen wollen.

Ein weiteres Beispiel dafür, dass sich auch gerade im Kindesalter solche speziellen Fähigkeiten entwickeln und bemerkbar machen, ist Mika. Der 9-jährige Autist spielt Schlagzeug, Klavier und viele andere Instrumente. Wie die Frankfurter Allgemeine berichtet, hat er außerdem das absolute Gehör.

Wie häufig kommen musikalische Inselbegabungen denn nun vor?

Um herauszufinden, wie oft solche speziellen Begabungen bei autistischen Kindern vorkommen und ob Musik dabei helfen kann mit der Krankheit umzugehen, haben wir Kindheitspädadogin und Leiterin einer Schulbegleitung Sabine Kleine gefragt, wie oft sie in ihrem Berufsalltag bei kleine-pädagogik mit dem Thema Autismus konfrontiert ist und in wie weit musikalische Inselbegabungen dort ein Thema sind.

DAB: Guten Tag, Frau Kleine. Wie genau arbeiten Sie in Ihrer Schulbegleitung mit Autisten zusammen und wie sieht Ihre Arbeit dabei aus?

Kleine: Hallo. Ich bin Kindheitspädagogin und leite einen Kinder- und Jugendhilfeträger. Wir unterstützen Schülerinnen und Schüler im gesamten schulischen Umfeld mit ihren individuellen Einschränkungen, die im körperlich-,seelisch- und/oder geistigen Bereich liegen können.

Dabei bilden Diagnosen aus dem autistischen Spektrum die zweitgrößte Gruppe der Kinder und Jugendlichen, nach dem großen Feld der Aufmerksamkeitsstörungen (ADS/ADHS).

In der 1:1 Situation im Rahmen der Schulbegleitung bekommen wir einen guten Einblick in die Persönlichkeit der Schülerinnen und Schüler, lernen ihre individuellen Schwächen und Stärken kennen und können im besten Fall eine vertrauensvolle Bindung aufbauen. 

DAB: Wie oft sehen Sie Menschen mit Autismus, die eine Inselbegabung im musikalischen Bereich haben?

Kleine: Ich habe bei allen persönlichen Kontakten mit Menschen im Autismusspektrum noch keine Inselbegabung im musikalischen Bereich erlebt. Jedoch sehe ich oft einen sehr ausgeprägten Musikgeschmack, der häufig deutlich vom Mainstream abweicht. Sich anzupassen, und wenn es nur der Musikgeschmack ist, widerstrebt Autisten meist 😉

DAB: Sind Autisten generell durch ihre Sensibilität mehr musikaffin als andere Menschen?

Kleine: Das könnte man vermuten. Ich habe das allerdings bislang nicht feststellen können. Ihre Sensibilität bezieht sich eher auf die eigene Person, so kann ich es mir erklären. Das bedeutet, dass ihre präferierte Musikrichtung sehr gefestigt ist und emotional leidenschaftlich verteidigt wird. Ich meine damit, dass sie überzeugt sind von ihrer Meinung/Vorliebe und wechseln diese auch nicht mehr. Man kann es stur oder ausdauernd treu nennen.

DAB: Gibt es eine auffallende Tendenz hin zu künstlerischen Tätigkeiten bei den Autisten mit denen Sie arbeiten?

Kleine: Auf jeden Fall! Besonders Jungs zeichnen auffällig gern und viel. Ich habe schon viele kleine und große Kunstwerke bestaunen können, die meist durch ihre ausgesprochen hohe Genauigkeit und Detailvielfalt herausstechen.

Im schulischen Bereich ist das allerdings leider oft nicht gefragt, denn diese Künstler haben es schwer, sich an Vorgaben zu halten. Viele zeichnen mehr als dass sie malen, oft mit Bleistift, sehr filigran. Wenn es dann eine getuschte Sonnenblume sein soll, zeigen sich ihre Schwächen in der Anpassungsfähigkeit an Vorgaben von außen.

DAB: Arbeiten Sie in Ihrem Bereich selbst mit musikalischen Tätigkeiten oder sehen Sie diese Methode bei Ihren Kollegen?

Kleine: Im Schulalltag ergibt sich leider kaum eine Möglichkeit dazu. Pädagogisch sinnvoll fände ich es allerdings. Ich kann mir vorstellen, entsprechende Schülerinnen und Schüler gerade in besonders belastenden Situationen mit Musik, egal ob Hören oder Machen, beruhigen zu können.

So wie man anderen Kindern die Möglichkeit gibt, sich motorisch auszupowern (ein paar Runden über den Schulhof, eine Runde Tischtennis, o.ä.), würde es einem Klavierspieler oder Gitarristen womöglich helfen, Stress abzubauen, wenn er ein paar kleine Übungen, Tonleitern spielen kann. Das Abspulen von Routinen beruhigt Autisten häufig und gibt ihnen Sicherheit.

Wir versuchen, ihnen in schwierigen, überfordernden Situationen bekannte Abläufe anzubieten, um dieser Neigung entgegen zu kommen. 

DAB: Sind Ihnen Fälle bekannt, in denen Autisten mit Hilfe der Musik eine Beschäftigung gefunden haben, die Ihnen hilft sich auszudrücken?

Kleine: Mir sind Autisten bekannt, die einer musikalischen Beschäftigung im weitesten Sinne nachgehen. Jedoch geht es in dem Fall nicht darum, Musik als Sprache/Ausdrucksform zu nutzen. Musik im Allgemeinen und Percussion im Besonderen ist meiner Meinung nach perfekt geeignet für Autisten. Sie ist (ab-)zählbar, folgt einem genauen Muster, kann aneinander gereiht werden, folgt einer gewissen Logik.

Ist vergleichbar mit dem Kochen. Es gibt Rezepte, aber man kann variieren, neu zusammenfügen, Reihenfolgen ändern und trotzdem zählen, kategorisieren, planen. Diese Methoden liegen autistischen Menschen, sie bedienen ihre Neigungen zu Reproduzierbarkeit und Logik. Viele Autisten haben eine gute Auffassungsgabe im technisch-logischen Bereich, ihnen liegen daher meist die MINT-Fächer (Mathe, Informatik, Naturwissenschaften).

Musik und Kunst werden oft in den gesellschaftlichen Fächerkanon eingereiht, was aber nicht die ganze Wahrheit ist.

Vielen Dank an Sabine Kleine von der Schulbegleitung kleine-pädagogik für diesen Einblick in den ganz normalen Alltag von autistischen Kindern un Jugendlichen.

DAB/hmo

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